Autos mit Assis­tenz­sys­te­men kön­nen schon heu­te fast allei­ne fah­ren. Was ist bereits mög­lich? Und ohne wel­che Assis­tenz­sys­te­me kom­men wir schon bald nicht mehr aus? Unse­re Serie gibt einen Über­blick über die hei­ßes­ten Neu­ig­kei­ten auf dem umkämpf­ten Markt der Steue­rungs-Extras - und dar­über, ob sie ihr Geld wert sind…

Auto­no­mes Fah­ren

Moder­ne Autos ste­cken bis unters Dach voll Com­pu­ter­tech­nik. Sie kön­nen ihre Umwelt wahr­neh­men, uns war­nen und sogar selbst­tä­tig steu­ern und auf Knopf­druck ein­par­ken. Aber wie funk­ti­ons­fä­hig sind die­se Sys­te­me bis heu­te wirk­lich? Tra­gen sie zu Kom­fort und Sicher­heit bei, oder sind sie nur ein Vor­wand, um dem Kun­den immer teu­re­re Extras zu ver­kau­fen? Wir geben einen Über­blick.  

Im drit­ten Teil unse­rer Serie stel­len wir wei­te­re High­lights der Assis­tenz­sys­te­me vor. Es geht um das The­ma Spra­che und Ran­gie­ren. Dazu gehört alles rund um die Sprach­steue­rung, Ran­gier­hil­fen und auto­ma­ti­sches Ein­par­ken.

Außer­dem prä­sen­tie­ren wir exklu­siv Neu­ig­kei­ten von der IAA. Zunächst zu den wei­te­ren Sys­te­men:

Assistenzsystem 9: Parkassistenten

Wer kennt das nicht? Sie suchen einen Park­platz und sehen plötz­lich die ersehn­te Lücke. Aber reicht sie aus? Sie set­zen zum Ran­gie­ren an, die Schlan­ge hin­ter Ihnen wird län­ger. Hup­kon­zert und Schweiß­aus­bruch.

Hier kön­nen, laut Her­stel­ler, auto­ma­ti­sche Ein­park­hil­fen auf Knopf­druck hel­fen. Und wie geht das? Das Fahr­zeug misst über sei­ne Sen­so­ren auto­ma­tisch die Park­lü­cke, ent­schei­det, ob die­se groß genug ist (min­des­tens 50 cm mehr als Auto­län­ge) und parkt auf Befehl eigen­stän­dig rück­wärts ein. In eini­gen Fäl­len ist auch das Ein­par­ken auf der ande­ren Stra­ßen­sei­te mög­lich. Oder der Wagen fährt allei­ne aus einer Park­lü­cke, wäh­rend der Fah­rer mit dem Schlüs­sel dane­ben steht (BMW).

Wie hoch ist der Nut­zen? Par­kas­sis­ten­ten gel­ten als umständ­lich, brau­chen vie­le Züge und kön­nen mit­un­ter auch mal ein par­ken­des Fahr­zeug anstup­sen. Zudem sind sie in der Bewer­tung der Lücken recht kon­ser­va­tiv und selbst durch­schnitt­li­che Ein­par­ker soll­ten es in der Regel bes­ser kön­nen. Aber, wer wirk­lich kei­ne Lust zum Ein­par­ken und kei­nen Zeit­druck hat, der könn­te die­se Funk­ti­on lie­ben ler­nen.

Assistenzsystem 10: Rangierassistent

Ran­gier­as­sis­ten­ten hel­fen bei Gespann­fahr­ten, also mit Anhän­ger. Audi und VW bie­ten bei­spiels­wei­se ein Sys­tem an, mit dem man den Ran­gier­win­kel des Anhän­gers bequem aus dem Inne­ren des Autos per Zahn­rad steu­er kann.

Wie hoch ist der Nut­zen? Die­se Sys­te­me sind ohne Vor­be­halt zu emp­feh­len.

Assistenzsystem 11: Sprachsteuerung

In eini­gen Fahr­zeu­gen gibt es sie schon, meis­tens ner­ven sie. Die Rede ist von dem Ver­such, Extras im Auto, wie Tele­fon oder Navi, mit Hil­fe von Sprach­steue­rung zu bedie­nen. Aber anstatt Benut­zer­freund­lich­keit ist bis­her zumeist das Gegen­teil der Fall. Der Benut­zer muss bestimm­te Wor­te und Satz­rei­hen­fol­gen ein­hal­ten, um zu dem gewünsch­ten Ergeb­nis zu kom­men. Auch kann ein Befehl wie “Ruf Mama an” zu Kon­fu­sio­nen füh­ren, wenn im Tele­fon unter­schied­li­che Num­mern oder Kon­tak­te mit ähn­li­cher Bezeich­nung gespei­chert sind.

Sel­bi­ges gilt für die Bedie­nung der sons­ti­gen Bord­ge­rä­te. Vor allem die Fahr­zeu­ge der Ober­klas­se ver­fü­gen ohne­hin über eine erschla­gen­de Men­ge von Mög­lich­kei­ten. Ver­sucht man auch noch, die­se über die Stim­me zu bedie­nen, ist das Cha­os oft per­fekt. Zum Bei­spiel in der A-Klas­se von Mer­ce­des, wo nach der Ein­ga­be die erkann­ten Mög­lich­kei­ten auf dem Dis­play gezeigt wer­den. Der Fah­rer steht nun vor einer drei­fa­chen Auf­ga­be: er soll den rich­ti­gen Begriff aus­fin­dig machen, ihn so aus­spre­chen, dass das Sys­tem ihn ver­steht und dabei gleich­zei­tig auch noch den Ver­kehr über­bli­cken.

Wie geht die Reise weiter?

Das könn­te sich in Zukunft aller­dings gründ­lich ändern. Die Sprach­er­ken­nungs­sys­te­me von Goog­le (Home) und Ama­zon (Ale­xa) näm­lich, zei­gen inzwi­schen recht gute Ergeb­nis­se in der Mensch-Maschi­ne-Kom­mu­ni­ka­ti­on. Die Inno­va­ti­on schrei­tet vor­an und immer mehr Sät­ze und Befeh­le wer­den auf Anhieb erkannt. Das scheint selbst die Auto­bau­er über­zeugt zu haben, denn es wur­den zahl­rei­che Koope­ra­tio­nen ange­kün­digt, die das The­ma Sprach­steue­rung in Schwung brin­gen könn­ten. So will VW es zusam­men mit Ama­zon mög­lich machen, vom Steu­er aus zu Hau­se die Jalou­si­en zu öff­nen und den Inhalt des Kühl­schranks zu über­prü­fen. Auch Vol­vo und Audi schwe­ben zusam­men mit Goog­le Ide­en vor, die mit dem Ansteu­ern des Navi­ga­ti­ons­sys­tems (“Ich habe Hun­ger!”) gera­de erst anfan­gen.

Wie nütz­lich ist das? Dass das Her­um­spie­len mit den Funk­tio­nen wäh­rend der Fahrt, ähn­lich wie das Han­tie­ren mit Smart­pho­nes, ein ernst­zu­neh­men­des Ver­kehrs­ri­si­ko ist, liegt auf der Hand und wur­de von zahl­rei­chen Stu­di­en belegt. Auch hier gilt also: Assis­tenz­sys­te­me, die nicht gut funk­tio­nie­ren, sind ein Risi­ko, kein Gewinn. Was die neue Genera­ti­on von Sprach­steue­rungs­sys­te­men bringt, wird man sehen. Schlech­ter wer­den, kann es eigent­lich nicht mehr.

Aller­dings ist ein ande­rer Punkt zu beden­ken, wenn Fahr­zeug­bau­er in solch gro­ße Koope­ra­tio­nen ein­tre­ten, (wie es mög­li­cher­wei­se auch bald beim auto­no­men Fah­ren der Fall sein wird). Denn umso mehr die Nut­zer im Digi­ta­len abge­bil­det wer­den, um so höher wiegt die Ver­ant­wor­tung einer Daten­nut­zung, die die Per­sön­lich­keits­rech­te schützt. Jeder weiß, dass Big Data für Goog­le und Ama­zon schon lan­ge zum Geschäfts­mo­dell gehört. Wenn die­se auf brei­ter Front in den Mobi­li­täts­sek­tor ein­zie­hen, müs­sen dring­lichst Fra­gen gestellt wer­den - sowohl um den Ver­brau­cher zu schüt­zen, als auch um die Sicher­heit auf den Stra­ßen zu gewähr­leis­ten, man den­ke nur an den Bereich Cyber-Kri­mi­na­li­tät.

Neue Assistenzsysteme von der IAA

An den Gren­zen von heu­te und mor­gen agiert man auch auf der IAA, Deutsch­lands wich­tigs­ter Auto­mes­se.

Audi Aicon von Innen

Her­vor­zu­he­ben war in die­sem Jahr Audi, die mit dem Aicon einen Wagen vor­stell­ten, der für auto­no­mes Fah­ren kon­zi­piert ist und in dem man folg­lich weder ein Lenk­rad noch Peda­le braucht. Auch in die­se Rich­tung gedacht, ist der neue Audi A8, der mit mehr als 40 Assis­ten­ten aus­ge­stat­tet ist. Mit dabei: ein neu­ar­ti­ger Auf­prall­schutz, der mit Hil­fe von Sen­sor­tech­nik (sie­he Teil 1) das Umfeld des Wagens über­wacht und die Flan­ke vor einem Sei­ten­auf­prall blitz­schnell um vol­le 8 cm anhebt. Der Belas­tungs­druck für die Pas­sa­gie­re sinkt damit, laut Her­stel­ler, um 50 Pro­zent.  

Auch der Her­stel­ler Bosch prä­sen­tiert sich auf der IAA als Leucht­turm im Bereich Fahr­zeug­elek­tro­nik. Neben Sys­te­men, die den Infor­ma­ti­ons­aus­tausch zwi­schen Auto, Her­stel­ler und Nut­zer ein­fa­cher machen (zum Bei­spiel Soft­ware-Updates per Cloud-Ser­ver und Kopp­lung mit dem Smart Home Sys­tem), wird unter ande­rem eine erwei­ter­te Ein­park­hil­fe gezeigt, die in Park­häu­sern nicht nur nach vor­he­ri­ger Selek­ti­on eines Park­plat­zes ein­parkt, son­dern den Wagen sogar auto­nom ins Park­haus hin­ein steu­ern kann.

Auch neu sind zwei inno­va­ti­ve Assis­tenz­sys­te­me aus dem Hau­se ZF. Der Ablen­kungs­as­sis­tent (“Dri­ver Dis­trac­tion Assist”) filmt mit 3-D-Kame­ras das Cock­pit und die Augen­po­si­ti­on des Fah­rers, um die­sen, im Fal­le einer Ablen­kung durch Dis­play-War­nung, akus­ti­sche Zei­chen und Straf­fung des Sitz­gur­tes zurück in die Rea­li­tät zu holen. Im Not­fall wird auch die Steue­rung über­nom­men.

Aus dem sel­ben Haus stammt auch der neue Geis­ter­fah­rer-Assis­tent (“Wrong-way Inhi­bit”), der den Fah­rer warnt, wenn er im Begriff ist, falsch her­um in eine Ein­bahn­stra­ße oder eine Auto­bahn-Zufahrt ein­zu­fah­ren. Auch hier wird hap­tisch, sowie akus­tisch gewarnt, das Auto kann auf­blen­den, warn­blin­ken, brem­sen und an den Fahr­bahn­rand fah­ren.  

Das große Fazit

Betrach­tet man das Pan­op­ti­kum der Assis­tenz­sys­te­me ergibt sich ein Bild, in dem bereits weit (und viel­leicht auch etwas ängst­lich) in eine noch unde­fi­nier­te Zukunft geschaut wird. Und bis die­se erreicht ist, ver­su­chen die Her­stel­ler, sich mit tech­ni­schen Hel­fer­lein zu über­bie­ten. Und das nicht immer zum Mehr­wert der Nut­zer. Sicher: Warn­sys­te­me, wie zum Bei­spiel der Spu­ren­hal­teas­sis­tent, sind im Ernst­fall Lebens­ret­ter und auch Not­brems­sys­te­me die einen Auf­prall ver­hin­dern und bei schlech­ter Sicht Fuß­gän­ger schüt­zen kön­nen, wer­den sicher schon bald zum Stan­dard gehö­ren.

Ande­re Gad­gets jedoch, klin­gen doch eher nach Hor­ror-Film: Wenn das Auto den Gurt strafft, weil der Fah­rer den Blick in die fal­sche Rich­tung schwei­fen lässt, es ein Pieps­kon­zert gibt und die Len­kung blo­ckiert, wenn man: zu schnell fährt, kei­nen Blin­ker setzt, sich nicht anschnallt etc… Das wür­de den meis­ten Fah­rern in Deutsch­land wohl eher einen Schau­er über den Rücken lau­fen las­sen, als ihnen Jubel­schreie zu ent­lo­cken.

Gefahr oder Nutzen?

Noch inter­es­san­ter ist es bei auto­ma­ti­schen Navi­ga­ti­ons­funk­tio­nen. Wenn das Auto allei­ne die Spur wech­seln kann, aber die Geschwin­dig­keit eines nahen­den Ver­kehrs­teil­neh­mer dabei falsch ein­schätzt, so kann die Über­wa­chung des Assis­tenz­sys­tems nerv­lich anstren­gen­der sein, als selbst zu fah­ren. In die­se Rich­tung argu­men­tie­ren auch Ver­kehrs­psy­cho­lo­gen, die schon seit Beginn der Auto­ma­ti­sie­rung (z.B. in der Schiff­fahrt oder im Flug­zeug-Cock­pit) wis­sen, dass pas­si­ve Über­wa­chungs­jobs für den Men­schen häu­fig anstren­gen­der sind, als aktiv selbst das Steu­er in die Hand zu neh­men.

Am bes­ten ist sicher­lich assis­tier­tes Fah­ren selbst in einem Test­wa­gen aus­zu­pro­bie­ren, um her­aus­zu­fin­den, wel­che Extras für den eige­nen Fahr­stil und die eige­ne Nut­zungs­form sinn­voll erschei­nen - und wel­che man sich getrost spa­ren kann. Zumin­dest, bis die Autos in der Zukunft gänz­lich auto­nom fah­ren, so dass wir uns dann gar nicht mehr um die Steue­rung küm­mern müs­sen und statt­des­sen end­lich mehr Zeit haben mit unse­ren Freun­den zu chat­ten und unse­ren Kühl­schrank­in­halt zu über­prü­fen. Und falls einem lang­wei­lig wird, sind die Sprach­steue­run­gen bis dahin ja viel­leicht auch schon so gut, dass man sich mit ihnen ver­nünf­tig unter­hal­ten kann…

 

Bis­her erschie­nen:

Teil 1 - Steu­ern und Brem­sen: tech­ni­sche Grund­la­gen, Spuras­sis­ten­ten und vie­les mehr.  

Teil 2 - Erken­nung von Ver­kehr und Umwelt: Tem­po­li­mit-Kon­trol­le, Tot­win­kel-Alarm und vie­les mehr.